01.08.2012 von Jana Wessel

Willkommen zur Technik-Olympiade!

Rund 15.000 Athleten und Athletinnen sind zu den Sommerspielen der XXX. Olympiade nach London gereist. Nahezu rund um die Uhr berichten die Medien über das Ereignis. Das hat durchaus Tradition: Schon den antiken Olympioniken im siebten Jahrhundert vor Christus wurde viel Aufmerksamkeit gezollt.

Die Massenmedien des 20. und erst recht des 21. Jahrhunderts sorgen freilich dafür, dass der friedliche Wettstreit um Medaillen und Platzierungen ein multimediales Mega-Event ist, eine Technik-Olympiade gewissermaßen. Zehn Millionen Menschen werden zu den Veranstaltungen live vor Ort erwartet, rund viereinhalb Milliarden Menschen verfolgen an ihren Fernsehern und Computerbildschirmen die Spiele.

Was man beim gemütlichen Bilder-Konsum auf der Couch - trotz perfekter HD-Auflösung - leicht übersieht, ist der immense Aufwand, der im Hintergrund betrieben wird. Damit wir alle nahezu in Echtzeit über das Spektakel informiert sind, reisten alleine rund 20.000 Journalisten nach London an. Damit die Berichterstatter gute Arbeitsbedingungen vorfinden, musste ein IT-Projekt gestemmt werden, dass jedem EDV-Verantwortlichen kalte Schauer über den Rücken fahren lässt: Mehr als 11.000 PC, über 1.000 Notebooks und 900 Server sind bei Olympia im Dauereinsatz - ebenso wie hunderte IT-Fachleute.

Während Nachbesserungen bei jedem „normalen“, größeren IT-Projekt an der Tagesordnung sind, muss bei den Spielen vom ersten Tag an alles funktionieren – Weltrekorde lassen sich nun einmal nicht wiederholen. Selbst scheinbar kleine Ausfälle können ärgerliche Folgen haben: Versagt etwa das elektronische Zugangskontrollsystem, kommen die Zuschauer nicht in ein Stadion oder in eine Sporthalle. Fällt das Commentator Information System aus, erhalten die Medien keine Wettkampfergebnisse. So gesehen wundert es auch kaum, dass die ersten Vorbereitungen bis ins Jahr 2005 zurückreichen, als London gerade frisch zum Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2012 ausgerufen wurde.

Jede Menge Rekordleistungen in Sachen IT und Telekommunikation mussten für die Olympiade erbracht werden. Die Aufgaben reichten hier von der Anschaffung und dem Aufbau der Computerausrüstung, dem Aufbau von Netzwerken und der Datenübertragungsinfrastruktur, den Aufbau einer Mobilkommunikation einschließlich eines Betriebsfunks bis hin zur IT-Systemintegration. Und nicht nur die Bedürfnisse von Journalisten, Polizei und Rettungsdiensten galt es zu berücksichtigen: Im Smartphone-Zeitalter muss die Infrastruktur auch so ausgelegt sein, dass täglich mehrere hunderttausend Besucher twittern können oder jederzeit ihre persönlichen Schnappschüsse bei Facebook hochladen können. Darüber musste sich bei der Olympiade 2008 in Peking in diesem Ausmaß noch niemand ernsthaft Gedanken machen.

Eine weitere Herausforderung neben den immer anspruchsvolleren, mobilen Geräten und deren Nutzern: Während etwa bei der Fußball-Europameisterschaft die IT- und Kommunikationsausstattung in einer überschaubaren Anzahl von Stadien errichtet wurde, finden die Wettbewerbe bei den Olympischen Spielen an mehr als hundert verschiedenen Orten statt. So kämpfen beispielsweise die Segler vor der Südküste Englands und Gold- und Silbermedaillen, die Vorrundenspiele des olympischen Fußballturniers werden im schottischen Glasgow absolviert – rund 650 Kilometer von London entfernt.

Damit alles klappt, wird nicht immer auf allerneueste Technik gesetzt. Bewährte Konzepte und Technologien erhalten im Zweifelsfall den Vorzug vor dem technisch Machbaren. Die Migration der Netzwerktechnik auf IPv6 – in vielen Unternehmen gerade ein ganz wichtiges Thema – wurde ebenso außer Acht gelassen wie der Einsatz zentraler Cloud-Dienste. Lösungen zur Server-Virtualisierung kommen hingegen erstmals zum Einsatz. Ein Traum für so manchen IT-Entscheider: Sämtliche Hard- und Software durchläuft nicht nur zahlreiche Testzyklen, sondern ist auch redundant ausgelegt.

Während so manches Unternehmen die eigene Bedrohungslage nicht allzu ernst nimmt, mussten sich die Verantwortlichen für Olympia 2012 mit allen erdenklichen und sogar nahezu undenkbaren Bedrohungsszenarien auseinandersetzen. Im Internetzeitalter ist nichts ausgeschlossen, was ein Cyberkrimineller nicht alles anrichten könnte: Ticketkäufe könnte manipuliert oder die Bankdaten der Käufer geraubt werden. Terroristen könnten sich als Medienvertreter einschleichen, Umweltaktivisten könnten auf elektronischen Weg die Sponsoren an den digitalen Pranger stellen. Man möchte nicht IT-Sicherheitsverantwortlicher bei der Olympiade sein!

All diese Szenarien machen deutlich: Für den Kampf um die Medaillen werden heutzutage schon vorab unzählige Rekordleistungen erbracht. Darüber sollte man bei aller Hochachtung für die Leistungen der Athleten auch einmal nachdenken – zumindest ein paar hundertstel Sekunden lang.

Foto: Alexandra H.  / pixelio.de

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