14.09.2012 von Folker Lück

iPhone 5, Windows Phone 8 - Evolution statt Revolution

Wer sich für Smartphones interessiert, der konnte in den letzten Tagen gleich mehrere, spannende Neuvorstellungen erleben. Der einstige Branchenprimus Nokia machte den Anfang und enthüllte die zwei neuen Modelle Lumia 920 und das kleinere „Schwestermodell“ Lumia 820 – beide mit dem brandneuen Betriebssystem Windows Phone 8. Für Apple-Fans die Neuvorstellung des Jahres dürfte aber sicherlich das neue iPhone 5 sein.

Das neue Flaggschiff der Lumia-Serie ist das 920 mit dem brandneuen Betriebssystem Windows Phone 8 und „PureView“. Windows Phone 8 basiert optisch auf dem gleichen „Kachel-Design“ wie die bisherige Version 7. Welche Verbesserungen es konkret gibt, wird man wohl erst sagen können, wenn die ersten serienreifen Mobiltelefone ausgeliefert werden, was noch in diesem Jahr der Fall sein soll. Ansonsten ist es für Microsoft ein weiterer Versuch, neben den mobilen Betriebssystemen Android und iOS ein weiteres System zu etablieren. Während der Software-Riese bei PC und Noteboks mit Windows weiterhin im Markt den Ton angibt, kann er bei mobilen Geräten bislang keine außerordentlichen Erfolge verbuchen. Man darf gespannt sein, ob das mit der neuen Version gelingt.

„PureView“ nennt Nokia die eingebaute Kamera-Technik, die bereits im Nokia-Smartphone PureView 808 integriert ist, das im Juli auf den Markt kam. Doch während das 808 eher eine luxuriöse Kleinbildkamera mit enormen 41 Megapixeln und – quasi nebenbei – einer Telefonfunktion ist, zählt PureView beim aktuellen Modell 920 zu den normalen Smartphone-Features. Die Kamera basiert auf der gleichen, besonders lichtempfindlichen Technik, macht aber Fotos mit den derzeit üblichen acht Megapixeln.

Eine weitere Besonderheit des Lumia 920 ist der kabellos aufladbare Akku. Zubehöranbieter werden für das Gerät „Ruhekissen“ oder schlicht kleine Platten anbieten, auf die man das Handy dann zum Auftanken ablegen kann. Dies ist sicherlich ein nette Idee, aber auch nicht mehr: Von elektrischen Zahnbürsten kennt man das kontaktlose Laden schon seit Jahren. Und selbstverständlich entfällt das Kabel nicht ganz, denn natürlich muss die Ladestation irgendwoher ihre Energie beziehen.

Ohne an dieser Stelle mit einer Auflistung technischer Daten zu langweilen, fallen bei Nokias Neuvorstellung ein paar Punkte auf: Das Display ist mit 4,5 Zoll Größe (entspricht 11,4 cm Bilddiagonale) ordentlich groß geraten – Nokia folgt hier dem Trend, den Samsung mit seinen aktuellen Galaxy-Geräten befeuert hat. Das Display übertrifft die Auflösung jedes HD-Fernsehers und braucht sich damit hinter Apples „Retina-Display“ nicht zu verstecken. Für ein Unternehmen aus Finnland sicherlich naheliegend ist die Besonderheit, dass die Touch-Technik des Displays selbst dann noch funktionieren soll, wenn man dicke Handschuhe trägt. Auch wenn der Winter in Deutschland meist nicht ganz so grimmig wie in Skandinavien ausfällt, wird das auch die Nutzer hierzulande erfreuen.

Weniger erbaulich ist bei Nokias Produktneuheit das Gewicht: Mit 185 Gramm ist das Lumia 920 ein wirklich schwerer Brocken. Zum Vergleich: Das aktuelle Samsung Galaxy S3 wiegt 133 Gramm. Der Trend zu immer größeren Displays erschwert zudem die Transportmöglichkeit in Jacken- oder Manteltaschen. Das Nokia-Handy ist immerhin über sieben Zentimeter breit, rund 13 cm hoch und 1,1 Zentimeter „dick“. Mit den erhältlichen Gehäusefarben gelb, rot, schwarz und weiß hebt sich Nokia erfreulich vom grau-schwarzen Mainstream ab.

Apple inszenierte wie immer gekonnt die Neuvorstellung des neuen iPhone. Im Donnerhall von Tim Cooks Handy-Show ging fast unter, dass der Hersteller auch noch – passend vor dem Weihnachtsgeschäft  - nahezu die gesamte Palette seiner iPod-Musikplayer erneuert hat. Andererseits: Wen interessieren heute eigentlich noch iPods?

Vergleicht man das iPhone 5 mit der Nokia-Neuvorstellung, fallen ein paar Besonderheiten auf. So macht Apple den Trend hin zu großen Displays nicht so ganz mit: Das neue iPhone ist zwar höher (knapp 12,4 Zentimeter), aber nicht breiter (5,86 cm) geraten als das Vorgängermodell. Die Bautiefe (0,76 Zentimeter) konnte verringert werden. Zudem hat man das Gewicht reduziert: Anstatt 140 Gramm wie das vorherige iPhone 4 bringt das iPhone 5 nur noch 112 Gramm auf die Waage. Das klingt nach banalen Technikdaten, doch im täglichen Einsatz wird es die meisten Nutzer erfreuen, weniger Ballast herumzuschleppen.

Das nun vier Zoll große Display eignet sich, um Videoclips im 16:9-Format ohne schwarze Ränder ansehen zu können. Ansonsten wird es problemloser in Jacken- oder Manteltaschen passen als die finnische Alternative. Kamera, Display, Sound – hier hat Apple bereits beim Vorgängermodell gute Qualität abgeliefert und daran ändert sich jetzt vergleichsweise wenig. Da beim neuen Gerät die Gehäuserückseite nicht mehr aus Glas und Kunststoff, sondern weitestgehend aus Aluminium ist, dürfte das iPhone noch weniger kratz- und stoßempfindlich sein – das ist für den Alltag sicherlich ganz praktisch.

Erwähnt werden sollte, dass Apple die Gelegenheit nutzt und mit iOS 6 dann gleich noch ein Betriebssystem-Update auf den Markt bringt.

Allgemein negativ bewertet wird allerdings, dass Apple dem iPhone 5 ein neuen Anschlussformat, das sog. "Lightning" verpasst hat. Dies ist sicherlich den neuen Abmaßen des Smartphones geschuldet, führt aber auch dazu, dass altes Zubehör zumindest ohne Adapter nicht mehr verwendet werden kann. Neue Earphones gibt es auch, die eine deutlich bessere Qualität haben sollen.

Etwas verwunderlich ist LTE-Nutzungsmöglichkeit. Das iPhone 5 ermöglicht LTE, allerdings auf einer Frequenz von 1.800 MHz, die nicht von allen Mobilfunkprovidern angeboten wird; und wenn, dann nur in städtischen Gebieten.

Unter dem Strich kann man sagen, dass weder Nokia noch Apple mit ihren Produktneuheiten einen „Wow-Effekt“ auslösen. Die eigentliche Revolution war es, das Smartphone auf dem Massenmarkt zu etablieren. Dies kann sich sicherlich Apple auf die Fahnen schreiben, auch wenn Nokia und andere Mobilfunkhersteller schon weitaus früher kleine Mobilcomputer angeboten haben – man erinnere sich an den Nokia „Communicator“, dessen erste Version 1996 auf den Markt kam.

Jetzt sind wir in eine eher evolutionäre Phase eingetreten, die bei den Smartphones mehr oder minder sinnvolle Detailänderungen bringt, aber keine Sensationen. Wie künftige, revolutionäre Schritte im Mobilfunk aussehen könnten, haben einige Technikexperten sicherlich schon im Kopf. Denkbar sind in einem nächsten, großen Schritt ultraflache, flexible Displays und in einem übernächsten Schritt vielleicht sogar Kontaktlinsen, die uns Mobilfunkinformationen gleich auf die Netzhaut senden. Hier sprechen wir aber sicherlich von ferner Zukunftsmusik. Und – wer weiß – vielleicht kommt dann doch alles ganz anders, als man denkt.
 

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